RETROSPECTION: May 2017

ich möchte mich in diesem Monatsrückblick einem besonderen Thema widmen und nicht wie üblich über einige meiner Favoriten schreiben, denn manchmal können auch die schönsten und aufregendsten neuen Dinge nicht darüber hinweg täuschen, dass manche Dinge einfach nicht gerecht sind.

letzten Monat (Mai 2017) hat das Aktionsbündnis gegen Homophobie e.V. mit der Initiative Ehe für Alle eine Online-Petition gestartet (link), die deutschlandweit Bürger bittet ihre Stimme für eine Ehe für Alle zu nutzen und eine Email an Abgeordnete der Regierungskoalition zu schicken um diese zu bitten, die Ehe auch in Deutschland für jede/n mündigen BürgerIn zu öffnen, unabhängig von der sexuellen Orientierung.

Fakten Check: es ist das Jahr 2017 und in Deutschland gibt es noch keine Zivilehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern. Der erste Staat in Europa der diese rechtlich ermöglicht hat waren die Niederlande in 2001. mittlerweile gibt es weltweit 18 Staaten in denen die Ehe für hetero- als auch homosexuelle Paare offen ist, davon sind 12 auf dem europäischen Kontinent – Deutschland gehört nicht dazu.

Kurzes throwback zu meiner meine Zeit auf dem Gymnasium in meiner Heimatstadt: ein paar Jahre lang hatte ich einen Deutschlehrer der den Unterricht immer wieder dazu nutzte seine eigene politische Position klar zu machen und jedem zu verstehen gab, dass er strikt gegen eine Ehe für Alle ist. Seine Aufgabe als Lehrkraft war es uns beim Schreiben von Aufsätzen zu helfen und unsere Grammatik zu verbesser, jedoch war es in keiner Situation okay oder gefragt seine eigene politische Meinung als Leitfaden ins Leben mitzugeben. Mehr als einmal habe ich mich darüber aufgeregt und wurde sogar der Klasse verwiesen weil ich angeblich „aufmüpfig“ wurde da ich ihn nicht immer ignorieren konnte. Irgendwann bekamen wir von eben jenem Lehrer die Aufgabe die Ferien über an einem freien Aufsatz zu arbeiten. Ich widmete meinen Essay der Ehe für alle und argumentierte auf 5 Seiten für die Öffnung der Zivilehe in Deutschland für gleichgeschlechtliche Paare. Nach dem Ende der Ferien sollten drei Schüler freiwillig ihren Aufsatz vortragen, da sich jedoch niemand meldete, suchte unser Lehrer kurzerhand selbst 3 Schüler aus, die ihre Argumentation vor der ganzen Klasse vortragen mussten. Nun war ich der erste Schüler der vor die Klasse treten musste und meiner latent homophoben Lehrkraft meine Argumente vorlaß, warum in meinen Augen nichts gegen die Öffnung der Ehe spricht. Damals war ich in der 7. oder 8. Klasse, sprich im Jahr 2005 oder 2006. Über 10 Jahre nach meinem Aufsatz, schaue ich auf die heutige Situation in Deutschland und noch immer ist er so relevant wie damals.

Als ich vor rund zwei Wochen das erste Mal auf die Petition aufmerksam gemacht habe, sind viele Kommentare aus dem Ausland eingegangen, die mir gezeigt haben dass die Welt wohl ein fortschrittlicheres Bild von Deutschland hat, als es die gesetzliche Realität zeigt. In Deutschland gibt es zwar eine Alternative zur Ehe, die eingetragene Partnerschaft, bei der die sexuelle Orientierung des Paares keine Rolle spielt, allerdings empfinde ich dieses Bündnis eher als einen alternativen Kompromiss zur Zivilehe, die aber nicht die gleichen Vorteile bringt und unter den gleichen Bedingungen stattfindet. Es ist eben nicht das gleiche ist, sondern lediglich ein Kompromiss mit dem man sich zufrieden geben soll.

Wie ich schon sagte, konnte man nach unterzeichnen der Petition optional eine vorverfasste Email an einen Abgeordnete der derzeitigen Regierungskoalition schicken. Selbst habe ich darauf keine Antwort bekommen, aber mehrere Follower haben mir Kopien der Emails geschickt die sie als Antwort bekommen haben. So schrieb Gunter Lach (CDU), direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreis 51 in Berlin, er würde „andere Formen der Partnerschaft respektieren“, steht aber auch „einer vollumfänglichen Gleichstellung der Ehe sehr kritisch gegenüber“. Einer „weiteren Anpassung steht er ablehnend gegenüber und für die Beibehaltung der besonderen Stellung der Ehe zwischen Mann und Frau“ setze er sich weiterhin ein.

Frei übersetzt schreibt Herr Lach, dass homosexuelle Rechte in Deutschland bereits genug ausgeweitet wurden, er es jedoch sogar aktiv weiter unterstützt, dass die Ehe für Alle gleichgeschlechtlichen Paare geschlossen bleibt. Er gibt dabei keinerlei Begründung an, WARUM die Ehe zwischen Mann und Frau eine besondere Stellung beibehalten soll.

Über ein Jahrzehnt nach meinem Aufsatz macht mich so eine Antwort schlichtweg wütend und traurig. Ich weiß nicht, ob ich selbst jemals heiraten werden, aber egal wie man dem Konzept Ehe gegenüber steht, 2 erwachsene Menschen sollten egal welcher sexueller Orientierung sie sich zuordnen die Wahl haben heiraten zu können – mit den gleichen Vorteilen und Bedingungen. Es gibt nicht so was wie „ein bisschen Gleichheit“ oder kompromisshafte Gleichheit und die Anders-Stellung gleichgeschlechtlicher Paare in Deutschland ist eine rechtliche Anders-Machung und stellt diese eben nicht nur nicht gleich, sondern wertet ihre Rechte vor dem Gesetz in diesem Punkt als nicht gleichwertig. Die alltägliche Realität auf den Straßen für Menschen die keine heteronormativen Leben führen, für Jungs, Mädchen, Männer und Frauen, ist es ausgelacht, beleidigt oder sogar bedroht zu werden und selbst die deutsche Regierung sagt diesen Menschen: ihr seid zwar gleich, aber eben nicht vollumfänglich, sondern irgendwo seid ihr ja doch anders. Es gibt nicht „ein bisschen Gleichheit“. Ich bin kein Politiker, aber es scheint absurd in einem Land zu leben, das zwar Anti-Diskrimierungsgesetzte verabschiedet aber zeitgleich durch die Blume sagt „indirekte Diskriminierung ist ja was anderes“.

Meine Mutter war eine der ersten Personen, die sofort auf meinen Aufruf die Petition zu unterzeichnen reagiert hat. Ich glaube dass sicher viele Eltern sich wünschen, dass ihre Kinder die gleichen Chancen in diesem Land haben, egal wen sie lieben.


wenn auch ihr die Petition noch unterschrieben wollt oder euch die Initiative selbst genauer anschauen möchtet findet ihr sie unter folgendem Link:

EHEFUERALLE.de


um euch dennoch nicht ganz ohne ein paar meiner Favoriten stehen zu lassen, habe ich eine PRIDE playlist auf Spotify erstellt, die auch perfekt eine Brücke schlägt zwischen diesem Beitrag und dem Pride Month Juni


follow me on   I N S T A G R A M  @jackstrify

4 thoughts on “RETROSPECTION: May 2017

  1. Ich habe sie unterschrieben und auch eine. E-mail an einen Abgeordneten geschickt aber bis jetzt habe keine Antwort bekommen.

  2. Hallöchen!
    Vielen lieben Dank für diesen sehr persönlichen Rückblick zu diesem auch für uns wichtigen Thema. Klasse, dass Du auch unsere EHE FÜR ALLE-Kampagne und den Messenger bekannt machst – denn nur gemeinsam können wir dafür sorgen, dass genug Druck entsteht, damit endlich auch in Deutschland Liebe gleich Liebe ist und es keine Liebe zweiter Klasse mehr geben muss. <3

    Danke und alles Liebe vom EHE FÜR ALLE-Kampagnenteam

    PS: Der Name des Vereins ist "Aktionsbündnis gegen Homophobie". Da hat Autocorrect bestimmt einen kleinen Streich gespielt, oder? 😉 (www.aktionsbuendnis.org)

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