GEN(D)ERATION

Oder: Über den Versuch sich selbst zu definieren.


„if men are from Mars and women from Venus I must be from Jupiter.“

Einer meiner beliebtesten Tumblr Posts namens „What
I mean when I post something like ‚Fuck Gender Norms'“
war eigentlich eine Reaktion auf den Versuch einiger Personen im Internet mich zu definieren, da ich Inhalte geteilt habe, die konventionelle Geschlechterrollen kritisieren. Plötzlich wollten einige Leute wissen, dass ich sicher ganz bald ein Coming out als trans* feiern würde, weil ich gerne „some boys want to be pretty too“ in den Wald schreie.

Hier will ich an dieses kleine Manifesto anschließen dessen Kern war, dass Jungs so feminin sein können wie sie wollen und sich dafür nicht rechtfertigen müssen und sich „entmännlicht“ fühlen müssen.

Photo von Joseph Wolfgang Ohlert
Photo von Joseph Wolfgang Ohlert

Ich wage zu behaupten, dass in keiner Generation so viel über geschlechtliche Identität und vorherrschende Geschlechterrollen diskutiert wurde wie heute. Die Versuche der Leute im Internet zielten einfach darauf ab mich in ein zweigeschlechtliches System einzuordnen und meine Idee dass auch dazwischen eine Menge existiert zu verwässern.

Wenn man sich einmal mit Theorien der Gender Studies beschäftigt, fällt schnell auf, dass die Dinge über die diskutiert werden keine sonderlich neuen Gedanken sind, sondern schon ungefähr seit den 1980ern im Schriftform existieren. Dass all das erst jetzt in den Alltag der Menschen vordringt, ist ein Zeugnis dafür, dass die Realität und der akademische Diskurs weit voneinander entfernt sein können – oder dieser eben auch voraus sein kann. Aber ich verfasse diesen Text hier nicht, um euch etwas von Konstruktion und weiteren Theorien der Genderforschung zu erzählen, sondern ich will hier über meine alltäglichen Erfahrungen in einer Welt schreiben, in der das Wort „schwul“ immer noch ein Schimpfwort ist und „Feminismus“ allzu oft negativ konnotiert.

Auch wenn ich Selbst-Definitionen nicht sonderlich leiden kann, weiß ich auch dass sie hilfreich dabei sind, Menschen oder Themen wenigstens oberflächlich zu verstehen und vor allem können sie auch empowerment sein und helfen, sich selbst besser zu verstehen. Zu sagen „ich will mich selbst nicht definieren“ hat bei mir nicht ganz geklappt und funktioniert wahrscheinlich nur, wenn man entweder nur in einer „queer bubble“ unterwegs ist oder sich als Einsiedler von sozialen Kontakten zurück zieht. Über die Grenzen dieser „bubbles“ hinaus, wird man jedoch immer wieder mit den Vorstellungen und Ideologien der Gesellschaft und ihren Individuen konfrontiert und dazu gedrängt sich einen Namen zu geben. „Ich bin einfach nur ein Junge.“, habe ich früher gerne gesagt, aber abgesehen davon, dass es eine gnadenlose Untertreibung wäre, stimmt es irgendwie nur ansatzweise. Als eine Person, die definitiv einen maskulinen Körper besitzt inkl. deutlich sichtbarem Bartwuchs, die Haare lang und blondiert trägt, leidenschaftlich Mascara und Highlighter benutzt und auch modisch Akzente mit Plateau Schuhen und Marlene Hosen setzt, stelle ich oft für Personen die mich das erste mal treffen ein Rätsel dar. Mein Auftreten allein, abseits von jeglichen Charaktereigenschaften- und eigenarten, verwirrt manche Personen und sie wollen mich ganz schnell in eine Box stecken. Mittlerweile habe ich eine Antwort auf diese Verwirrung gefunden, die sowohl mich ganz gut beschreibt und auch die Leute halbwegs zufrieden stellt: „Ich bin ein androgyner Junge.“ Ganz kurz und knapp. Mein Körper ist männlich. Ich kann mich mit weiblichen und männlichen Eigenschaften identifizieren, fühle mich aber auf keiner Seite der zwei Geschlechter zu 100% akzeptiert und verstanden. Als androgyner Junge stehe ich oft irgendwo zwischen den Stühlen. Ich habe auch gar nicht das innere Bedürfnis mich auf eine der beiden Seiten stellen zu wollen. Für mich ist das vollkommen okay, nur sehe ich immer wieder wie das für andere Leute eben genau das nicht ist und ihr ganzes Weltbild auf den Kopf gestellt wird, wenn jemand wie ich existiert und als Junge Make Up trägt und weiterhin als Junge bezeichnet werden will.

Selbst in Berlin, wo das Leben liberal und alternativ ist, gibt es keine Utopie der totalen Freiheit und Akzeptanz. So wie ich durch die Welt gehe, treffe ich nicht selten auf Ablehnung und Diskriminierung, werde konfrontiert mit Homophobie, Frauenfeindlichkeit und Transphobie. Ein Beispiel, welches diese drei Diskriminierungen gleichzeitig zeigt und was mir wirklich häufig passiert, ist das Catcalling auf offener Straße. Auf dem Nachhauseweg komme ich z.B. an einer Parkbank vorbei auf der drei junge Männer sitzen, wahrscheinlich cis*heteros, die mich wegen meiner wallenden blonden Mähne für ein Mädchen halten. Sie pfeifen mir nach und säuseln irgendwas wie „Hey Baby, wohin geht’s?“. Ich reagiere gar nicht darauf, sondern laufe einfach an ihnen vorbei, als sie im Straßenlaternenlicht allerdings merken, dass ich ein Junge bin, hagelt es plötzlich Beleidigungen wie „Schwuchtel“, „Transe“ oder auch einfach nur ein „Iiih, verpiss dich.“. Ich kann etliche weitere Beispiele geben, in denen ich beleidigt oder sogar angefeindet wurde, weil sich jemand von meiner bloßen Anwesenheit bedroht fühlte; anders kann ich das gar nicht beschreiben, denn an sich tue ich in diesen Situationen oft nichts außer die Straße entlang zu laufen. Bei all dem geht es nie um meine Persönlichkeit, die Art wie ich spreche oder ähnliches, sondern immer nur darum, wie ich aussehe. Wie fragil muss Männlichkeit sein, wenn sich jemand männliches provoziert fühlt wenn ein anderer Mann auch seine Weiblichkeit mit offenen Armen begrüßt?

Lange habe ich das einfach versucht zu ignorieren und dem weiter keine Beachtung zu schenken, aber viele reagieren überrascht wenn ich diese Geschichten erzähle. Sowas „könne man sich 2016 doch nicht mehr vorstellen“ vor allem „in einer Stadt wie Berlin doch nicht.“. Deswegen empfinde ich es heute als wichtig, darüber zu sprechen, dass mehr Leute verstehen was oft auf den Straßen abgeht.

Riccardo Simonetti und ich, von Joseph Wolfgang Ohlert
Riccardo Simonetti und ich, von Joseph Wolfgang Ohlert

Ich bin irgendwie das, was man als „erwachsen“ bezeichnet, stehe seit fast 10 Jahren in der Öffentlichkeit und bin es gewohnt, dass Leute eine Meinung über mich haben. Ich kann damit umgehen, wenn man mich nicht mag und wenn man versucht jedem gefallen zu wollen, hat man eh schon verloren. Aber es gibt genug Leute die ein Leben führen, dass ihnen nicht die Freiheit gibt, sich anders zu geben als die Gesellschaft es möchte und die Angst haben vor solchen Anfeindung und Ausgrenzung.

Ich glaube dass unsere Generation einen Unterschied machen kann. Wenn ich von der Gen(d)eration spreche, meine ich alle die für Offenheit und gegen Sexismus kämpfen, androgyne Jungs wie mich, jede Person die Gleichberechtigung fordert und für die Feminismus kein Schimpfwort, sondern grundlegender Humanismus ist. Trotz all der täglichen Erinnerungen daran, dass viele Ideen zwar schon so lange existieren, aber auf der Straße immer noch als (zu) progressiv bezeichnet werden können, sehe ich auch wie anders viele Dinge sind, seitdem ich ein rebellischer Teenager war, der aus der Provinz erst nach Stuttgart, dann schließlich nach Berlin geflüchtet ist. Ich musste flüchten, um Freunde zu finden, sie offen genug sind und ähnlich denken. Vorbilder fand ich in Stars aus den 1980ern wie Boy George und natürlich David Bowie, sowie einer alternativen Szene aus Goth, Emo und Visual Kei, in denen Jungs die Make Up tragen nichts ungewöhnliches waren. Auch viele Anime, z.B. Sailor Moon, öffneten mir eine Welt voll von Genderbending und anderen Normen (das bräuchte allerdings einen komplett eigenen Post). Heute muss man nicht so weit in die Vergangenheit schauen, um sich seine Vorbilder zu suchen. Auf Instagram und YouTube gibt es so viele inspirierende Personen, die einem diese Welt eröffnen können.

Wie gesagt, mich „nur als Junge“ zu bezeichnen wäre sicher eine Untertreibung und auch falsch, weil ich gar nicht anstrebe so zu sein wie der Rest, um gemocht zu werden. So sind meine langen Haare auch ein Zeichen meiner Rebellion gegen viele Normen und eine Erinnerung an mich selbst, stark zu bleiben. Denn auch wenn es oberflächlich gesehen nur chemisch blondierte, lange Haare sind, zeigen sie mir jeden Tag, dass es Willen und Überzeugung braucht so durch diese Welt zu gehen und diese Stärke schüchtert manche ein.

Photo von Joseph Wolfgang Ohlert
Photo von Joseph Wolfgang Ohlert

photographiert von Joseph Wolfgang Ohlert

pinker sweater von Uniqlo

6 thoughts on “GEN(D)ERATION

  1. Mach dein ding bleib so wie du bist. Wen leute dich nicht mögen pech.ich finde du bist eine starke persönlichkeit. Und zeuge respekt dass du das alles mal ausgesprochen und angesprochen hast.

  2. Ich finde es wichtig zu dem zu stehen was man macht und wie man ist.
    Jeder will einen in Schubladen stecken.
    Wieso nicht einfach seine eigene Schublade erfinden? 😉

    Bleib stark und stehe weiterhin zu dem was du tust,
    damit gehst du als Vorbild voran in eine (hoffentlich) neue Welt.

  3. This is just a powerful message ! Thank you so much for this 🙂
    I can understand what you feel because having short hair and „masculine clothes“ as a girl still seems strange to some persons… People always tell me to let my hair grow whereas I just feel me with my haircut right now 😀
    And some girls in my class made fun of me when I wore a skirt because it was obvious for them that I couldn’t wear one. And I have so many examples too… But let’s just be who we are and celebrate our own definition !

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*